VIELEN DANK FÜR IHRE AUFMERKSAMKEIT

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…dass es sich bei der Gegenwartkunst um eine inszenierte Realität handelt, auch dann wenn sie wirklich stattfindet…

 

Im Rahmen des Freischimmer-Festivals |08.10. - 18.10.2009| präsentiert GE im Foyer der Sophiensaele eine Video-Installtion zum Thema Schock | In Koproduktion mit Sophiensaele

 

 


Wieso gibt es eigentlich darstellende Kunst? Wieso gibt es Tanz? Wieso gibt es Theater? Wieso reicht es uns nicht in den 19:00 Uhr Nachrichten all die Szenen zu beobachten die wir uns um 20:00 Uhr für teures Geld im Theater ansehen? Wieso tauschen wir die Realität mit der Fiktion? Wieso bevorzugen wir den gespielten Mord, die gespielte Vergewaltigung, die inszenierte Choreographie anstelle der Militärparade und den Schüssen im Schützengraben?

Das Setting gibt die Antwort: Wir wollen uns sicher fühlen! Im Theater sind wir sicher. Sicher vor den Bomben der Realität, sicher vor den Gewaltverbrechern auf der Straße, sicher vor den hungernden Menschen da draußen. Wir sind in unserer sicheren Seifenblase auf Stühlen in Reihen, im Sicherheitsabstand zum Vordermann, in einer für einen bestimmten Raum bemessenen Anzahl von Besuchern. Der Boden auf dem wir sitzen wird nie zusammenbrechen, die Decke über uns wird nie einstürzen. Alles vom Techniker und Statiker berechnet und abgenommen, von Produzenten und Dramaturgen für gut und richtig und wichtig erklärt. Das zeigt uns auch wer wir sind. Die obere Schichte der Gesellschaft. Es gibt ja auch keinen Grund um sich hinauszulehnen auf die dunklere Seite. Wir können es uns ja leisten, das Inszenierte dem Echten vorzuziehen. Auch der Theaterjournalismus und die Tanzkritik bleiben im Theater immer sicher. Sie können sich auch nur im Theater sicher fühlen. Sollten sie sich hinausbewegen in die reale Welt scheitern sie kläglichst und gehen ganz schnell elendiglich zugrunde. Jeder kennt das: das war doch schön gelöst, interessant inszeniert, gut choreographiert,… Jeder kennt das. Sobald sich Projekte ins Leben hinauslehnen stirbt diese gute Kritik. Muss sie sterben. Soll sie auch sterben. Dann fehlt ja plötzlich die zweite Ebene, dann war es nicht gut aufgelöst, dann war das Stück politisch unkorrekt. Dann war es wohl zu echt.
Warum wird eine Schlägerei im wirklichen Leben nicht gut aufgelöst und im Theater schon?
Warum fickt man im wirklichen Leben ohne nach einer zweiten Ebene zu fragen?
Warum bekommen Darsteller im Anschluss Rosen oder Getränkegutscheine?
Für welche Leistung? Fürs auswendig lernen von Bewegung oder Text?

Theater und Realität werden sich immer bekämpfen. Theater will uns die Realität vorspielen, moralischer Apostel sein, und scheitert Tag für Tag. Das Theater wird die Realität nie verstehen weil es sie nicht verstehen will. Weil es die Probleme der Welt nur mit den Seidenhandschuhen aus dem Kostümverleih anfasst. Um sich nicht schmutzig zu machen. Das ist die Urangst des Theaters.

 

Selbst-ikonoklastische Kunst für Geld als oberflächliche Simulation der Selbstdenunziation

Eine Rezeption des Westerns unter dem Kulturschock?!
Die postchristliche* und postpsychoanalytische Gegenwartkunst sowie Medienpraxis produzieren bei ihren Rezipienten laufend eine bestimmte Erwartung, wie die Wahrheit aussehen soll. Das ist eben die kardiale Frage für jede Zivilisation: Wie soll die Wahrheit aussehen damit die Zivilisation diese Wahrheit als Wahrheit anerkennen und akzeptieren kann? Dieser hermeneutische Infomechanismus der westlichen Zivilisation, die in jeder Information** nach der Wahrheit*** sucht um dem Betrachter zufrieden zu machen, steht unter dem konventionellen Bild der Massenmedien, die nur drauf warten die Wahrheit einer transgressiv-subversiven Alltagskultur in die Welt zu platzieren.

Umso schockierender, umso erfolgreicher!

Diese westliche Vision einer schamgrenzelosen, perversen Offenbarung der Wahrheit, des Privaten, die unsere schmutzige Phantasie erfüllt und unseres sadomasochistische Gefühl bestätigt - ist keine Baudrillard’sche symbolische Ökonomie der modernen Welt, derer Wahrheit andererseits als eine Konsumfabrik unter der Lupe der Globalisierung wirkt - ist ebenso das okzidentale Unvermögen selbst die Wahrheit zu erkennen und ihr eigentlichen Wert zu geben. Gleichzeitig ist sie ein medialer Krieg um die Wahrheit die keine Wahrheit ist, sondern nur der Bericht über die Wahrheit - wie sie aussehen soll? Hier stellt sich allerdings neue Frage: inwiefern ist uns das wichtig, das Geständnis über die Wahrheit öffentlich zu machen? Und nach welchen Prinzipien?

In dieser Hinsicht lässt sich dieser Bericht über die Wahrheit am jeden Eck wie eine Prostituierte für Geld anbieten, wofür aber hochstmögliche Technik und Medien zu Verfügung gestellt werden müssten.
Als Gegenleistung bietet uns das Übertragungsmaterial jederzeit den Zugang zu ständiger Dokumentation über eine entkrampfte ästhetisierte Alltagskultur, die uns dauernd nackte Realität präsentiert. Daher ist die Logik der Medienuser soweit gegangen: Um so die Foto- oder Videoaufnahmen merkwürdiger und gewalttätiger sind, um so eher entspricht das unseren Interpretationen des Lebens. Man darf, wenn es dabei ums reale Menschenbild geht, wohl nicht vergessen, dass das Foto- oder Videomaterial in sich einen dokumentarischen Aufnahmecharakter tragen soll, damit die Aufmerksamkeit der Rezipienten sensibler und persönlicher wird. Wie es zum Beispiel beim Film auf true story basiert. Gemäß unserer Vergangenheit und der Generation die mit solchem Material aufgewachsen ist, können wir nicht mehr überraschend und schockierend bleiben. Vor allem wenn man die Ressourcen westlicher Gegenwartkunst anschaut.

Man sollte hier allerdings drauf hinweisen, dass es sich bei der Gegenwartkunst um eine inszenierte Realität handelt, auch dann wenn sie wirklich stattfindet. Dieser inszenierte Charakter ist immer dabei - in jeder Kunstpraxis. Wo unterscheidet sich dann das zur Realität entsprechende Foto- und Videomaterial vom inszenierten Material? Was schockiert mehr oder schockiert überhaupt noch? Anders gefragt, was ist uns lieber und interessanter anzuschauen?

GE versucht mit der geplanten installativ-performativen Arbeit im Theaterbereich hinterzufragen, welche Erwartungen bei den Rezipienten dieses differenzierten Foto- und Videomaterials ausgelöst werden können. Ebenso zu welchem vorgenannten Kontext (Kunst vs. Ereignis) das Geständnis**** der Rezipienten offener bzw. sehnsuchtvoller wird. Die Frage bleibt.
Trotz allen Versuchmöglichkeiten entsteht noch immer keine Realität gegen Realität, Leben gegen Leben, sondern Video gegen Video, Bild gegen Bild.


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* post-inquisitorische
** ob sie in Internet oder TV-Show oder Boulevardpresse zu finden ist, ist egal
*** keine wissenschaftliche Wahrheit oder die Wahrheit einer empirischen Beschreibung, sondern mehr eine Wahrheit des Subjekts
**** oder kann auch Verständnis sein