EUROPA

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EUROPA - SCHÖN, DASS SIE HIER SIND!
bis 8 Stunden Performance zum Thema RAUSCH

 

ICH BIN ZU SIEBZIG PROZENT KATHOLISCH
ICH HABE EINE HOHE TOLERANZGRENZE
ICH MAG DAS THEATER, TIERE UND SINFONISCHE MUSIK
ICH BIN DIE ALLEINERZIEHENDE MUTTER MEINER
SINGENDEN ARMEE
|Ivana Sajko - Europa|


Europa feiert bevor der Rest erwacht. Arbeitslose feiern anstatt zum Arbeitsamt zu gehen; Studenten sind dabei, deren Nacht noch nicht vorüber ist; Künstler, die natürlich überall dabei sein müssen; Asylanten ohne Unterkunft; Prostituierte, die noch auf einen letzten GinTonic gehen; zufällig Anwesende; Adabeis; Europa. Der Rausch stiftet die Identität. Europa als funktionierender Körper, als perfekt scheinende Gesellschaft wird entlarvt. Im Detail liegt das Verborgene. Bei God´s Entertainments Eröffnungsfeier mit Europa ist jeder willkommen - im Gegensatz zur EU.
Jegliche Anfangssituation löst sich auf – die Nacht und mit ihr die eigene persönliche Identität wird wie in Antonionis „Blow Up“ solange deformiert, verzerrt, vergrößert, bis sich jeder in seinem Ausschnitt selbst entdeckt. Die Masken fallen, Europa wird persönlich, Europa umarmt dich plötzlich, wird dein OneNightStand, lässt dich links liegen, dein letzter Rausch, dein letztes Glas vor dem Taxi in die Wirklichkeit.

Die Party wird kontrolliert. Der Text Europa von Ivana Sajko wird ab 3.00h zum fixen Bestandteil. Mittels Smalltalk und durch eingebaute Inszenierungen wird ihr Text präsent: performt, gespielt, karaokiert, gelesen. Andere Teile des Textes werden im Laufe der Performance von den Zuschauern vorgetragen.
Jeder wird zur Voice of Europe - jede vertretene Stimme kommt aus einer anderen Ecke, wie in der Wirklichkeit, von links und rechts. 5 Minuten aus allen sozialen Lagern – aus allen Ecken des Raums. Sajkos Text dient als Vorlage - wer eine eigene Meinung hat, liest, oder interpretiert selbst. Mittels Mikrokamera (über Beamer auf allen Wänden sichtbar) und Mikrophon wird die jeweilige Person zum Mittelpunkt, für alle sichtbar und akustisch mitverfolgbar.*

Niemand wird diskriminiert – ein halbes Jahr EU-Vorsitz in der Kurzversion!


*Vgl. Heiner Müllers Medea in New York

 


IVANA SAJKO´s Europa

Europe has become an obsession to you 
Lars von Trier: Element of Crime


Bevor Europa ein politisches Wesen wurde, war sie eine mythische Kreatur. Nun sind wir Zeugen einer Umkehrentwicklung, in der sie eine Umwandlung von der politischen Wirklichkeit hin zu einem erneuerten Mythos vollzieht. Obwohl es wie eine Art Rückschritt aussieht, ist es eigentlich – wie in jeder richtigen Tragödie – ein Wiedererstarken der bestehenden sozialen Ordnung, ihrer ausgerufenen Werte und ihrer Hierarchien.
Ivana Sajkos Text „Europa“ als Vorwand nehmend, hinterfragt diese Performance die Rolle des Theaters als ein Raum, der traditionell – mit sehr wenigen Ausnahmen – diesem Wiedererstarken dient. Sein Hauptaugenmerk liegt darin, wie man eine Aufhebung der politischen Praxis, die die nicht-theatrale Wirklichkeit regiert, erschafft, während sie zur gleichen Zeit deren überpolitisierten Diskurs benutzt. Sie dreht sich um Europa als eine Art Körper ohne Organe, ihrer vollkommenen Flachheit und fehlenden Tiefe bewusst. Sogar wenn sie versucht, die Geschichte ihrer Abstammung und ihres Funktionierens in den veränderten sozio-ökonomischen Umständen(wieder) zu erzählen, so wie in Sajkos Text, bringt sie nur das beruhigende Versprechen hervor, dass der Krieg, den sie führt, außerhalb ihrer Grenzen bleiben wird und dass ihre einigende Kraft nicht schwinden wird. Und das ist ihr Alles und Nichts.
Diese Performance kennzeichnet Europa als dialektische Dystopie-/ Utopie-Bewegung von der rauen politischen Wirklichkeit mit ihren maßgebenden Begriffen wie Unsicherheit, soziale Ausgrenzung, Arbeitslosigkeit, freie Marktwirtschaft usw., bis hin zu den neuen Mythologien und ihren friedensstiftenden Möglichkeiten. In dieser Bewegung gefangen, lebt eine große Zahl an Einwohnern mit dieser Spannung.
Die Performance verbindet Sajkos Text mit Michelangelo Antonionis Film „Blow Up“, und zwar die berühmte Szene in der der Vorgang der Fotovergrößerung gezeigt wird. Die Struktur dieser Szene scheint anwendbar im Kontext der Enthüllung des verfassungsmäßigen Verbrechens/ Opfers für die europäische Gesellschaft. Es beginnt wie eine Art Landschafts-Stück und führt durch die nachfolgenden Erweiterungen. Es scheint Baudrillards „Perfect Crime“ zu enthüllen, aber zugleich verliert es einen größeren Zusammenhang. Angesichts des verfassungsmäßigen Verbrechens/ Opfers schließlich ist man nicht imstande, seine Verfassungsgewalt zu enthüllen. Ohne ihre Umgebung wirkt sie wie eine reine ausführbare Kraft. *


* Da muss doch noch mehr sein. Alles, was theoretisch möglich ist, passiert auch irgendwann. GE ahnt, dass Fassade (sich als quasi radikale und seltene Wiener Theatergruppe zeigt) nicht alles sein kann. Mit ihren Mitteln will GE die Tiefe hinter der – bezüglich des Falls in oben genannten Film – (un)exponierten Wirklichkeit Europas entdecken. Wie im Film versucht GE das vermeintliche Tatfoto Europas wieder und wieder zu vergrößern - solange bis ihr Tun ein Kunstwerk produziert: wenn man ein Foto nur stark genug vergrößert, kann man in dem Ausschnitt auch alles sehen, was man darin sehen möchte. Es kommt nur auf die Auflösung an. GE verweist auf Antonionis Hochauflösung, sodass sich schließlich parallel mit dem Rausch-Zustand Europas alles wie im Film auflöst. Mit jeder Vergrößerung, mit jedem blow up, wird das Gezeigte mysteriöser und verworrener. Diese prozesshafte Untersuchung bzw. Vergrößerung des Themas ist insofern aktuell, als sich Problematik der Entwicklung und Identität Europas auflöst, oder umgekehrt - solange bis die Antonionis Frage: Wer hat wen umgebracht und warum? beantwortet wird. Obwohl es unklar ist und auch so bleibt, darf GE ein vergrößertes, verschwommenes Schwarzweißfoto des Europaentwicklungsprozesses, der Europaintegrationspolitik als Kunstwerk auffassen. Offen bleibt nur noch: Was ist relevant? Was authentisch? Gibt es in einem medialisierten Europa überhaupt noch Authentizität?
Antworten gibt es keine, aber zumindest Hoffnung.


Europa als Metapher für kollektiven Rausch: Bilderrausch
Europa als (Rausch-) Zustand: Der europäische Körper existiert nur als Idee, muß also Metapher bleiben. Während die EU fleissig an Richtlinien und gemeinsamen Märkten arbeitet, bleibt es bei der oberflächlichen Behauptung der so genannten Leitkultur, aber es kränkelt massiv an kulturellen Identifikationsangeboten, ohne dass Europa zu einer Metapher für breiigen Konsens wird. Der Rausch der europäischen Kulturen und deren Verantwortung für Europa hängen eng zusammen, ungeachtet dessen, dass ersterer oftmals als Ausrede für einen Mangel an zweiterer verwendet wird. Viele Euros fließen deshalb in identitätsstiftende be-rauschende Feste. Fuckin´good old Europe: God´s Entertainment lässt auf die ehemalige phönizische Königstochter keinen wilden Stier los. Dass beim Nachwuchs bleibende Schäden hinterlassen werden können, steht ausser Frage. Formal orientieren sich GE an Tableaux Vivants: Sie greifen Bilder und Metaphern europäischer Kultur auf (Vgl. Courbet: Der Ursprung der Welt; Tanja Ostojic: Ohne Titel) und transformieren sie auf die Theaterbühne. So bildet sich ein zwischen Performance und Statik angesiedeltes ideales Medium, das sich und seine Geschichte reflektiert. Im rasanten medialen Rauschen lenken sie die Blicke auf Gesten, Körper, Leerstellen. Sie zeigen Europa exemplarisch als handlungsbedürtig, gerade weil es stillsteht. Der gewohnt partizipatorische Anteil ihrer Arbeiten liegt diesmal in dem Reiz, dass die Leute zum einen den europäischen Rauschzustand schon länger praktizieren und sich in diesem Tableaux dazugesellen können: Europa als Gesellschaftsspiel! Sei dabei!

Im Koproduktion mit Freischimmerfestivals: Sophiensaele Berlin, Theaterhaus
Gessnerallee Zürich, brut wien, Forum Freies Theater Düsseldorf, Kampnagel Hamburg  

 


 

 

Who is Who?
Als unpolitischer Körper kann sich Europa heutzutage nicht mehr bezeichnen. Es existiert nur die Idee der politischen Expansion gegenüber Nicht-EU-Ländern. Europa ist eine Zahl geworden, die immer größer werden will.

 

Who is Who?
Was ist Europa? Ist sie die mythologisch entführte Tochter, die verkörperte Frau für alle, die ihre Liebe beanspruchten, oder das, was sie von allen anderen fordert, eine andere Aussicht des Abendlandes, oder laut Lévy nur eine Idee und kein Ort bzw. kein Körper?
Als politischer Körper äußert sich Europa als Besitz ergreifende Mutter ihrer Kinder: als deren Verantwortliche für die ständig begangene Schuld; als das Gesicht deren Schamgefühls; als deren Verteidiger von Gesellschaftskritik; als die Sicherheit Bringende vor dem kriegshetzerischen Stier. Sie vereinigt ihre Kinder, um ihnen die individuelle und einzelne Verantwortung abzunehmen, d. h. die individuelle mit der kollektiven Verantwortung auszuwechseln um so deren miterzeugten Verbrechen nicht alleine verdunkeln lassen zu müssen. - mit dem klaren Ziel: gemeinsam eine Gesellschaft zu kreieren, welcher zu einer besseren Stabilität verholfen werden kann.
Als unpolitischer Körper kann sich Europa heutzutage nicht mehr bezeichnen. Es existiert nur die Idee der politischen Expansion gegenüber Nicht-EU-Ländern. Europa ist eine Zahl geworden, die immer größer werden will. Sie ist ständig auf der Suche nach weiteren Ländern, die ihre Substanz politisch, kulturell und am wichtigsten religiös durch eine rechtsmäßige Mitgliedschaft unterstützen.

In GE´s Europa unterscheidet sich politisch von unpolitisch. Diese Unterscheidungssituation stürzt in die Performance mittels eines interaktiven Spiels zwischen GE und ihren Gäste (lies: Mitbürger Europas). Warum ist jeder willkommen? Warum sind soziale Randgruppen der Gesellschaft herzlich eingeladene Gäste? Warum feiern wir um das Image of Europe zu detektieren? Ist letztendlich der Rausch a priori das Mittel der Konklusion? Wie lang spielen wir Journalisten?


You want to wake up
to free yourself
of the image of Europa,
but it is not possible.
Lars von Trier, Europa


Eine psychoanalytische Lösung Europas
Die zeitdimensionalen Räume im Text fordern eine Begegnungsdramaturgie in der Performance ein. Im Text wird unter einer katastrophal-apokalyptischen Landschaft nach der Lösung der europäischen Bevölkerungsidentität und Freiheit gebetet, deren imaginären Räume der Fremdbestimmung als zentrale Stimmung (Motiv) in der Performance stilisiert werden. Die Störungen, die durch Störungen des Selbst evoziert worden sind, werden über eine aufgehobene Distanz zum Objekt im Text erkennbar und bewusst im Sinne von wachsender narzisstischer Frustration des Individuums (Sajkos Person Europa) zur Identitätskrise weitergeführt. In der Performance dominiert eine andere Störungsdynamik: disponierte Identitätsstörung (Übernahme von Rollen von außen und die Konfliktfeldern der inneren Identitätsauseinandersetzung) durch verschiedene Aufgaben und dem Herstellen sozialer Netzwerke eines konstruierten Europas. Jedenfalls handelt es sich im Text nicht um eine hypothetische Rekonstruktion der Vergangenheit, sondern um eine Intensivierung einer Katastrophensituation gemäß postmoderner Denkfiguren, wie gleichfalls nicht um eine Analyse der Gegenwart in der Performance, sondern um die Decodierung einer Rauschästhetik in einer Zeitdiskontinuität bzw. Zeitdynamik.


Europa ohne Grenze
In Europa - Schön, dass Sie hier sind! wird die Frage festgestellt: Inwiefern brauchen wir geographische, ethnische, wirtschaftliche Grenzen bzw. soziale Ungerechtigkeit, inwiefern sind die Grenzen heutzutage wichtig? Was können die Menschen dafür/dagegen machen um Grenzen abzuschaffen? Wie relevant wäre damit die Angst vor Terror der Anderen bzw. die Angst vor Arbeitslosigkeit oder Kriminalität? Die Grenzen werden fallen!!! Die Grenzen werden fallen!!! Junge Afrikaner kommt nach Europa! – laut TV Werbung.


Wo liegt die Koexistenz zwischen GE und GE´s Gäste?

Wie koexistieren GE und GE´s Gäste? GE Definition für Koexistenz bzw. für die Gleichwertigkeit der Anwesenden im Theaterumfeld sowie die Möglichkeit eine Party in Form der Aufführung unter dem Theaterbegriff zu erfassen, liegt einerseits in GE´s Potenzial zusammen mit Europa-Gästen eine Party zu inszenieren, anderseits im Gästepotenzial zusammen mit GE aus gleichen Ressourcen schöpfend, motivierend und kohärent zu bleiben, trotzdem sie sich untereinander unterscheiden. 

 


 

 

Vereintes Europa der Schlepper, Bürokraten und Sperma-Spender 
by Dagmar Fischer - Artikel in Morgen Post Hamburg im Mai 2008 erschienen.

 

Das gab's noch nie: Ein Theaterbesuch, bei dem Geld verdient werden kann. Die Wiener Gruppe God's Entertainment bietet diesen einmaligen Abend heute zur Eröffnung von "Freischwimmer", dem Festival für junges Theater auf Kampnagel: "Europa - schön, dass Sie hier sind" ist Performance und Party, Mitmachtheater und Jobbörse - und das alles in einer Nacht.
"Wer Sperma spendet, verdient natürlich mehr als der Profi-Knutscher," erläutert Boris Ceko zwei der "Profile", die auf dem eigens eingerichteten Arbeitsamt vermittelt werden können. Aber auch Security-Leute, Tänzer, Schlepper und Kandidaten fürs Parlament werden gebraucht - Europa als Mikrokosmos. Und dazu gehören halt auch absurde Situationen an den vermeintlich offenen Grenzen und die Willkür der Bürokraten.
Der Eingang zur Performance ist Grenzübergang, Wartezeiten sind möglich, Taschenkontrollen und Leibesvisitationen nicht ausgeschlossen - ohne Pass (für diese Nacht ausgestellt) und Stempel geht hier gar nichts. Grenzposten und andere Schnittstellen innerhalb der künstlichen Gesellschaft sind mit Performern von God's Entertainment besetzt, die steuernd eingreifen - damit das Publikum neue Erfahrungen macht, so Simon Steinhauser: "Man merkt plötzlich, wie sich ein Illegaler im Angesicht einer Razzia fühlt ..."
Also Gesellschaftskritik statt (göttlicher) Unterhaltung? "Wir wollen bestimmte Konstrukte in Frage stellen und Ausgrenzungsmechanismen aufzeigen", sind sich die beiden Köpfe der Gruppe einig. Zu dem Zweck wurden gezielt 20 Arbeitslose eingeladen, die in dieser Nacht Geld verdienen können, ohne - so versichern die Macher - vorgeführt zu werden. Und auch für alle spontan vom Publikum übernommenen Rollen gilt: Alles ist freiwillig, jeder weitere Schritt verhandelbar. Wie auf Partys üblich, sind Speisen und Getränke gratis; wer sich geschickt anstellt, holt den Eintrittspreis im Laufe der Nacht spielend wieder raus.